25. März 2022

Mit List und Gewalt

INDIEN
In vielen indischen Bundesstaaten sind Christen ihres Lebens nicht mehr sicher. Sie erleben Brutalität, Verrat, Mobbing und werden mittels fingierter Vorwürfe ins Gefängnis gebracht.

Wir befinden uns auf einer Konferenz mit 40 Pastoren im Nordwesten Indiens. Bei rund der Hälfte der Teilnehmer klingelt mitten in der Veranstaltung das Handy. Sie erfahren, dass der RSS* zuhause ihre Frauen, Kinder und Mütter zusammengeschlagen hat. Und damit sind nicht etwa Ohrfeigen gemeint: Die Anhänger der radikal-hinduistische Organisation gehen äusserst brutal mit Eisenstangen auf ihre Opfer los.

Wie reagieren die Pastoren?
Packt sie das nackte Grauen und reisen sie sofort heim? Nein! Im Bewusstsein der Lebensgefahr, in der sie samt ihren Familien stehen, bilden sie einen Kreis, reichen einander die Hände und beten: »Gott, wenn du willst, dass wir der Samen sind, der in die Erde fällt und stirbt, damit Frucht entsteht, dann sind wir bereit, diesen Auftrag zu erfüllen.«

In dieser schlichten Handlung zeigt sich ihre Entschlossenheit, den Weg mit Jesus bis zur letzten Konsequenz zu gehen. Sie sagen: »Aus der Geschichte wissen wir: Wenn Christen für ihren Glauben sterben, kann dies zu einer Erweckung führen. Und deshalb sind wir bereit dazu, wenn dies Gottes Wille für uns ist.«

Nicht alle Pastoren in Nordindien sind so mutig. Viele haben ihre Gemeinden geschlossen, denn es wird immer schwieriger, ein sicheres Versammlungslokal zu finden. Die Gefahr, denunziert zu werden, ist riesig. Spione schiessen in Indien zurzeit wie Pilze aus dem Boden. Diese bedienen sich widerlicher Methoden. Drei Beispiele:

  • Meldung an den RSS Pastoren mieten sich für ihre Versammlungen in ein Hotel ein. Der Besitzer zeichnet das Treffen heimlich auf und stellt es ins Internet. Wieder in ihrem Dorf angekommen, werden die Prediger vom RSS aufs Übelste zugerichtet. Variante: Der Hotelbesitzer benachrichtigt den RSS schon während der Versammlung. Die Schergen rücken an und verprügeln die Pastoren an Ort und Stelle.
  • Offene Türen, geschlossene Augen Versammlungslokale sind oft frei zugänglich. Niemand beobachtet genau, wer kommt und geht. So ist nicht schwierig, den Teilnehmenden einen Strick zu drehen. Jemand schleicht sich ins Haus und legt einem Pastor die bereits zerstörte Figur einer indischen Gottheit vor die Füsse – etwa dann, wenn dieser mit geschlossenen Augen betet. Der Spion schiesst ein Foto, zeigt den Pastor an und behauptet, selbst gesehen zu haben, wie er gegen die Gottheit gepredigt und die Figur zertrümmert habe. In der Regel sind solche Fotos vor Gericht als Beweismittel zugelassen. Der Christ wird verurteilt und landet im Gefängnis.
  • Vorgetäuschter Zwang Immer wieder gibt es auch Scheinbekehrte, die sich angeblich taufen lassen wollen. Später sagen sie dann vor Gericht aus, sie seien von der Gemeinde dazu gezwungen worden. Die Taufe habe unter Druck stattgefunden. Damit liefern sie den Grund für die Inhaftierung der Pastoren: Zu einer anderen Religion überzutreten, ist in Indien nicht verboten, jemanden dazu zu zwingen aber schon. Einige Pastoren sind bereits auf diese Weise ins Gefängnis gekommen.

Allein durch die Nacht  
Um sich im aktuellen Verfolgungskontext zu bewegen, müssen indische Christen weise und vorsichtig sein. Im Norden Indiens beispielsweise, am Fusse des Himalayas, werden Hausgottesdienste nur in der Nacht gefeiert. Mehr noch: Damit die Versammlung nicht auffällt, treffen die Mitglieder zeitversetzt ein. Das Zusammensein beginnt damit, dass sich die Frauen erholen und die Männer kochen. So ein Rollentausch ist in der Kultur Nordindiens undenkbar. Auch daran lässt sich erkennen, wie sehr Jesus nicht nur die Herzen der Menschen, sondern auch ihre Kultur zum Besseren verändert. Die Christen sitzen zusammen, essen, tauschen sich über ihren harten Alltag im feindlich gesinnten Umfeld aus, lesen aus der Bibel und beten. Und was ganz wichtig ist: Zusammen lachen sie auch viel – ein Stück Himmel auf Erden! Ab Mitternacht verlassen sie allein oder paarweise das Haus. Bis 6 Uhr morgens sind alle wieder daheim, niemand hat ihre Abwesenheit bemerkt.

Neue Christen im Visier
In dieser Gegend äussert sich Verfolgung unter anderem in übler Nachrede, Mobbing und dem Rausschmiss von der Arbeit. Dies treibt die Christen in den sozialen und finanziellen Ruin. Solchen Familien bietet AVC Überlebenshilfe und bei Bedarf auch juristische Unterstützung. Neubekehrten rät unser Partner vor Ort, ihren Glauben an Christus nicht sofort an die grosse Glocke zu hängen. Denn gerade auf unerfahrene Christen wird in den Dörfern massiver Druck ausgeübt, damit sie ihren Glauben wieder aufgeben – eine Praxis, die allen diktatorischen Systemen eigen ist.

* Der Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) ist eine paramilitärische, regierungsnahe, hindufundamentalistische Organisation mit Nähe zu faschistischem und nationalistischem Gedankengut.

 



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