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indonesienIndonesien: Abschluss, aber nicht das Ende

Nach 15 Jahren schliesst das Kinderheim in Medan planmässig seine Tore. Gerhard K. berichtet, wie er nach dem Tsunami in das zerstörte Land reiste, um zu helfen.

Am 26. Dezember 2004 reisst ein Tsunami an den Küsten des indischen Ozeans Hundertausende in den Tod und hinterlässt eine Verwüstung, wie sie seit Menschengedenken nicht vorgekommen ist. Beim Betrachten der ersten Bilder dieser Katastrophe in den Nachrichten ahne ich noch nicht, dass dieses Ereignis mein Leben verändern sollte.

Blitzentscheid mit Folgen
Zu Jahresbeginn 2005 werden meine Frau Hilla und ich von AVC angefragt, ob wir bereit wären, uns in Indonesien zu engagieren. Sind wir das? Wir beten – und fühlen uns von Jesus gedrängt, diese Herausforderung anzunehmen. Schon am 10. Januar sitze ich im Flugzeug nach Sumatra. In Medan werde ich von Volker B. empfangen, der vorausgereist ist und wertvolle Vorarbeit geleistet hat.

Eine Welt des Grauens
Unsere Erkundungsfahrt ist schockierend. Vielerorts liegen noch Leichen herum. Aus dem Schlamm starrt mich ein Gesicht an, den Mund weit aufgerissen. Unzählige Menschen, teils mit schlimmen Verstümmelungen, kommen auf die Strasse, sobald ein Fahrzeug auftaucht. Alle brauchen irgendetwas, was wir nicht geben können. Über allem hängt ein entsetzlicher Verwesungsgeruch. Ich bin überfordert und weiss: Meine Kraft, Kompetenz und Erfahrung mögen hier gefragt sein, aber ohne die Hilfe von Jesus bin ich verloren. Aus der Überforderung heraus treffe ich eine Entscheidung: Er ist der Chef, ich sein Mitarbeiter. So kehrt Frieden ein. Meine Angst ist weg, und ich mache mich an die Arbeit.

Hoffnungsvoller Aufbau
Alles zu nennen, was wir im Lauf der folgenden 15 Jahre tun konnten, würde den Rahmen dieses Kurzberichts sprengen. Deswegen liste ich hier einige Eckpfeiler unserer Hilfe auf:  

  • Tägliche Versorgung von über 5 000 Betroffenen in zehn Lagern mit Lebensmitteln und anderen Hilfeleistungen
  • Ermöglichung von 45 Operationen und ungezählten ärztlichen Sofortmassnahmen
  • Verteilung von Medikamenten im Wert von 100 000 EUR (Spenden der action medeor) an grosse Krankenhäuser und -stationen in Medan, auf Sumatra und auf der Insel Nias
  • Bau von drei Kinderheimen in Medan
  • Wiederaufbau von 17 Dörfern im Landkreis Sibolga
  • Auftrag zum Bau von 18 grossen Fischerbooten, um die Fischerei und damit die Versorgung der Dörfer zu gewährleisten
  • Gründung von fünf Fischereigenossenschaften für die Fischverwertung
  • Abgabe von Traktoren für den Reis- und Obstanbau sowie zigtausenden Reissetzlingen und Ananasstauden an Landwirtschaftsgenossenschaften
  • Bau von sechs Kindergärten, Grund-, Mittel- und Oberschule für Strassenkinder
  • Aufbau eines grossen Kinderheims auf der Insel Nias
  • Aufnahme und Versorgung von Waisenkindern in Lhokseumawe/Banda-Aceh
  • Verteilung von 1,5 Tonnen Medikamenten (ebenfalls von der action medeor) an Krankenhäuser nach dem Ausbruch des Vulkans Merapi auf Java
  • Wiederaufbauhilfe für zwölf christliche Gemeinden
  • Wiederaufbau von zerstörten Gottesdiensthäusern und Errichtung einer weiteren Kirche
  • Neubau eines grossen Gemeindezentrums mit Kindergarten in Banda Aceh
  • 14 Jahre Grossevangelisationen als Ergänzung zur geleisteten Aufbauhilfe


Eifer belohnt
Die sozialen Projekte, besonders die Kinderheime, sind durch gesetzliche Vorgaben von vornherein auf 15 Jahre begrenzt. Die Kinder sollen ihre Schulausbildung abschliessen und dann in die Selbstständigkeit entlassen werden. Aufgrund des Eifers und der positiven Entwicklung unserer Zöglinge haben wir ihnen zusätzlich eine Berufsausbildung ermöglicht. Über 50 von ihnen haben sogar ein Studium absolviert. Inzwischen haben fast alle ihre Ausbildung beendet und stehen in einer festen Anstellung. Das Kinderheim haben wir im Juni dieses Jahres offiziell geschlossen. Nur vier junge Leute, deren Studium sich Corona-bedingt verzögert hat, bleiben noch bis zum Oktober im Projekt.

Ans Herz gewachsen
Mich überkommt Wehmut, wenn ich an die Zeit zurückdenke, in der ich zusammen mit meiner mittlerweile verstorbenen Frau Hilla die kleinen Kinder in Gottes Wort unterrichtet, mit ihnen gespielt und gefeiert habe. Diese Kinder sind mir ans Herz gewachsen, und ich bin stolz auf sie. Mit dem Älterwerden haben sie aus Eigeninitiative einmal in der Woche gefastet und mit dem ersparten Geld Essen für Strassenkinder gekauft und verteilt. Sie haben sich intensiv in unseren Kindergärten und Schulprojekten für Strassenkinder engagiert, mit Unterricht, Nachhilfe und Seelsorge. Unsere evangelistischen Events wären ohne sie unvorstellbar gewesen. Sie haben gepredigt, den Lobpreis gestaltet und sich bei Lebensübergaben als die beliebtesten Ansprechpartner erwiesen.

Rückzug light
Sämtliche Kinderheime, Schulen und Kindergärten haben wir vertragsgemäss – Corona-bedingt jedoch ohne Feierlichkeiten – in die Hände von Prof. Dr. Binari Manurung und Bischof Hutahaean übergeben. Beide haben von Anfang an unsere Projekte als Partner begleitet und werden sie in unserem Sinn weiterführen.

Mit der Übergabe unserer sozialen Projekte ziehen wir uns nicht ganz aus Indonesien zurück. Während der vergangenen Jahre haben wir mit dem Bischof in ganz Sumatra Evangelisationen durchgeführt, über 20 Gemeinden mitgegründet und unterstützt. Weit über 10 000 Menschen sind zum Glauben an Jesus Christus gekommen. Diese geistliche Arbeit werden wir auch in Zukunft weiterführen.

Ich persönlich bin jetzt aus meinem Dienst entlassen. Für mich ist es noch immer ein Wunder, was alles erreicht werden konnte und welche Gunst wir bei den Behörden gefunden haben. Allen, die für uns gebetet haben, allen Paten und Spendern danke ich von Herzen. Sie sind ein wichtiger und unverzichtbarer Teil unserer Arbeit gewesen, deren Langzeitwirkung sich erst zu entfalten beginnt.