
Zwischen Smog und Steppe
Es ist Februar. Unsere Projektpartner holen uns am Flughafen ausserhalb der Hauptstadt Ulaanbaatar ab. «Es ist warm geworden», sagen sie. «Nur noch minus 20 Grad.» Anfang Jahr seien es kurzzeitig minus 54 Grad gewesen. Über der Stadt liegt eine dichte Smogglocke. Im Winter gehört Ulaanbaatar zu den Städten mit der weltweit höchsten Luftverschmutzung. Ursache sind grosse Kohlekraftwerke für Strom und Fernwärme, aber auch die unzähligen Kohleöfen, mit denen sich die Menschen in ihren Zelten, den Gers, gegen die Kälte schützen.
Die Stadt wächst rasant. Hochhäuser schiessen aus dem Boden, fast die Hälfte der mongolischen Bevölkerung lebt inzwischen hier. Viele kamen mit der Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben. Für die meisten erfüllt sich dieser Traum aber nicht.
Am Stadtrand fahren wir an einer riesigen Mülldeponie vorbei. Ein ganzer Hang voller Abfall, meterhoch. Hier suchen die Ärmsten nach Essbarem oder verwertbarem Material. Zwischen Planen und Kisten stehen notdürftige Unterstände. Staub, Kälte und Gestank liegen in der Luft. Nur wenige Kilometer entfernt glänzt die Statue von Dschingis Khan im Zentrum der Stadt. Der Kontrast könnte kaum grösser sein.
Ein Dach, ein Teller, ein Anfang
Im Wohnheim von Claim können Menschen aus extrem schwierigen Verhältnissen ein kleines Zimmer mieten. Die Räume sind etwa drei auf vier Meter gross, Wasser, Toiletten und Duschen befinden sich auf dem Gang. Geheizt wird das ganze Haus mit Kohle. Die Monatsmiete beträgt umgerechnet rund 50 Franken. Nicht alle können diesen Betrag regelmässig bezahlen. Das Wohnheim bleibt deshalb bewusst ein Sozialprojekt.
Ein Mann erzählt uns, dass er hier mit seiner Frau und drei Kindern im Schulalter lebt. Alle fünf teilen sich einen einzigen Raum. Dort wird gekocht, gegessen und geschlafen. Beide Eltern arbeiten, doch das Einkommen reicht nicht für einen eigenen Ger, geschweige denn für eine Wohnung.
Später begleiten wir eine Hilfsgüterverteilung von Claim. Bedürftige erhalten Kleider aus Spenden von AVC sowie Grundnahrungsmittel wie Mehl, Öl und Reis. Zwei Frauen bekommen eine Nähmaschine. Eine von ihnen lädt uns später in ihren Ger ein, irgendwo an einem Hügel in einem riesigen Ger-Distrikt. Es gibt kein fliessendes Wasser, alles ist einfach und notdürftig. Für tausende Mongolen ist das die Normalität.
Ihr Mann war Alkoholiker, das Leben mit ihm schwierig. Seit er verschwand, ist es erträglicher. Auch ihre Schwester ist weg, niemand weiss, wo sie ist – vielleicht in China. Die Frau kümmert sich nun nicht nur um ihre eigenen Kinder, sondern auch um die ihrer Schwester, insgesamt sieben. Die Nähmaschine gibt ihr eine Chance, etwas Geld zu verdienen – und eine Perspektive.
Die Weite als Zuhause
Wir fahren nach Charchorin. Die heutige Stadt liegt direkt neben den Ruinen von Karakorum, der einstigen Hauptstadt des Mongolischen Reichs im 13. Jahrhundert. Fünf Stunden lang geht es bei Temperaturen von minus 35 Grad durch endlose Steppen, sanfte Hügelzüge und eine Weite, die kaum zu fassen ist. Unterwegs sehen wir wilde Kamele, einzelne in der Landschaft verstreute Gers sowie grosse Schafs- und Pferdeherden.
Die Familie, die wir besuchen, lebt von der Viehzucht. Sie besitzt rund 200 Kaschmirziegen, etwa zehn Kühe, mehrere Yaks und rund 50 Pferde. Mit ihren vier Gers ziehen sie viermal im Jahr weiter, je nach Jahreszeit und Höhenlage. Der Clan-Chef wurde mit seinen Pferdezuchten bereits ausgezeichnet. Seine Frau hilft im Sommer bei der Arbeit mit den Tieren. Den Rest des Jahres lebt sie mit den Kindern in Charchorin, damit diese zur Schule gehen können. Die grösste Bedrohung für die Nomaden sind harte Winter. In extremen Jahren kann das gesamte Vieh verenden. Dann bleibt nichts, worauf sie aufbauen können, und im kommenden Jahr müssen sie wieder bei null anfangen.
Am Abend kochen wir gemeinsam. In grossen Töpfen werden Fleisch, Kartoffeln, Gemüse und ein Teiggericht gegart. Glühende Lavasteine liefern die nötige Hitze. Nach Gesprächen und gemeinsamem Gebet essen wir zusammen, bevor wir die Rückfahrt nach Charchorin unter die Räder nehmen.
Stille Orte, eigene Welten
Auf einem Grundstück von Claim befindet sich ein christliches Lebenszentrum. Dazu gehören zwei Gers, zwei Gewächshäuser, mehrere Container mit Hilfsgütern von AVC sowie ein zweistöckiges Haus. Im Erdgeschoss wird für notleidende Menschen gekocht, im Obergeschoss finden Nähkurse statt.
An diesem Tag erhalten rund zehn Personen eine warme Mahlzeit: Nudeln mit Gemüse und Schafsfleisch. Nach dem Essen verteilt Claim Kleider und Grundnahrungsmittel.
Unter den Gästen ist ein Vater mit seinem etwa zehnjährigen autistischen Sohn. Der Junge sitzt lange still da, ganz in seiner eigenen Welt. Als Seifenblasen durch den Raum schweben, hellt sich sein Gesicht auf. Lachend pustet er eine Blase nach der anderen.
Im Obergeschoss nähen mehrere Frauen unter Anleitung von Claim-Mitarbeiterinnen Zeltplanen für Gers und traditionelle mongolische Kleider. Viele haben hier Fertigkeiten erlernt, mit denen sie sich zumindest einen Teil ihres Lebensunterhalts verdienen.
Ein weiteres Nähatelier, das wir besuchen, ist untergebracht im fensterlosen Keller eines Wohnblocks. Die Näherin dort hat von Claim Nähmaschinen und Stoff erhalten. Heute gibt sie ihr Wissen weiter und bildet körperlich beeinträchtigte Menschen in einfachen Näharbeiten aus. Es ist ein stiller Ort – und doch einer, an dem Neues entsteht.
Lernen, neu anzufangen
In einer kleinen Alphabetisierungsklasse unterrichtet eine Mitarbeiterin von Claim einige Kinder aus sehr armen Verhältnissen. Diesen werden grundlegende Lese- und Schreibkenntnisse vermittelt, damit sie später den Anschluss an eine Regelklasse schaffen können. Neben dem Unterricht wird auch gemalt, gewerkelt und gebastelt. Am Muttertag laden die Kinder ihre Mütter ein, tragen Gedichte vor und überreichen selbstgemachte Geschenke. Viele der Kinder stammen aus Familien, die vorübergehend in Unterkünften von Claim leben oder regelmässig Hilfsgüter erhalten.
Wir besuchen auch ein Rehabilitationszentrum von Gamba, einem langjährigen Weggefährten von Claim. Hier leben Frauen und Männer, die sich von Alkohol- oder Drogenabhängigkeit lösen wollen. Der Entzug erfolgt ohne Medikamente. Die Bewohner werden eng begleitet und in den Alltag eingebunden. Sie kochen, putzen und arbeiten gemeinsam.
Um den Betrieb mitzufinanzieren, betreibt das Zentrum verschiedene Arbeitsprojekte: Autowaschanlagen, Handarbeiten aus Filz, das Einkochen von Gemüse, einen kleinen Coffeeshop. In den Wohnheimen und im grossen Saal über dem Café finden regelmässig Gottesdienste und Andachten statt. Es ist ein Ort, an dem Menschen Struktur, Gemeinschaft und Orientierung finden.
Zum ersten Mal satt
Bolto ist unter sehr schwierigen Umständen aufgewachsen. Er war ein Pferdedieb, trank viel und geriet immer tiefer in ein Leben ohne jeden Sinn. Er wurde verhaftet und zu knapp drei Jahren Gefängnis verurteilt. Dort begegnete er Pastor Maschlä, der die Insassen regelmässig besucht und von Jesus erzählt. Bolto hörte zu, weil er spürte, dass es so nicht weitergehen konnte, und entschied sich, Jesus nachzufolgen. Nach kurzer Zeit wurde er wegen guter Führung vorzeitig entlassen.
Seine Frau blieb ihm während der ganzen Haft treu. Auch sie kam in dieser Zeit zum Glauben. Rund drei Monate nach seiner Entlassung besuchte Bolto einen christlichen Grundlagenkurs von Claim. «Dort habe ich zum ersten Mal in meinem Leben so viel gegessen, bis ich wirklich satt war», erinnert er sich lachend. Das liegt nun 14 Jahre zurück.
Seitdem ist Bolto fest in einer Gemeinde aus unserem Netzwerk verankert. Sein Leben hat sich grundlegend verändert. Heute besitzt er drei eigene Pferde und betreut insgesamt rund 20 Pferde für andere Familien. Er verkauft vergorene Stutenmilch und mongolischen Nudeleintopf mit selbst gemachten Teigwaren. Manchmal arbeitet er auch auf dem Bau oder in einer Bäckerei.
Bolto ist tief im Glauben verwurzelt. «Gott kann alles, ich nicht», stellt er klar. Besonders eindrücklich berichtet er, wie seine Frau bei der Geburt des ersten Kindes in Lebensgefahr schwebte. Bolto und andere Christen standen um sie herum und beteten. Sie überlebte. Die behandelnde Ärztin sagte später: «Nur dank eurem Gott hat sie überlebt.»
Beim zweiten Kind war ein Kaiserschnitt nötig. Danach rieten die Ärzte dringend von weiteren Schwangerschaften ab. Das Ehepaar aber wollte gerne noch mehr Kinder und betete dafür. Kind Nummer drei und vier kamen auf natürlichem Weg gesund zur Welt – und auch die Mutter war nie mehr in Lebensgefahr. Heute erzählt Bolto vielen Menschen von Jesus, der sein Leben auf einen festen Grund gestellt hat.



