09. September 2022

Land im Kreuzfeuer

ARMENIEN
AVC unterstützt christliche Gemeinden in Armenien. Diese sind geistlich und materiell an verschiedenen Fronten gefordert.

Verwundete unterstützen, Rückkehrer aufnehmen, Versöhnungsarbeit leisten und Menschen beistehen, die nirgends erwünscht sind. Die von AVC unterstützten Kirchen in Armenien stehen im Zentrum schmerzlicher Ereignisse

Verwundete unterstützen, Rückkehrer aufnehmen   2020 streiten sich Armenien und Aserbaidschan – beides ehemalige Sowjetrepubliken – kriegerisch um Bergkarabach. Einmal mehr, denn die Region ist ein historischer Zankapfel. Im 44 Tage dauernden Krieg fallen auf beiden Seiten tausende. Kaum eine Familie, die keine Opfer zu beklagen hat. In den Strassen der armenischen Hauptstadt Eriwan fallen da und dort beinamputierte junge Männer auf, welche erste Schritte mit einer Prothese wagen. »Krieg ist etwas Schreckliches«, sagen sie.

Als Folge des Kriegs gehen Teile von Bergkarabach an Aserbaidschan. Viele Bewohner der ehemals armenischen Dörfer und Städte wollen nicht umsiedeln, weil sie sagen: »Das ist unsere Heimat.« Andere lassen ihr gesamtes Hab und Gut zurück und flüchten gebrochenen Herzens nach Armenien. Einige zünden aus Wut sogar ihre eigenen Häuser an.

AVC stärkt und unterstützt armenische Christen, die Kriegsopfern und inländischen Flüchtlingen beistehen, indem sie beispielsweise Prothesen finanzieren und die Rückkehrer betreuen. »Wir können die politischen Entscheidungen nicht beeinflussen«, sagen die Verantwortungsträger, »aber wir sehen die Not der Menschen und greifen ein, um zu helfen.«

Menschen beistehen, die nirgends erwünscht sind
Die armenischen Christen beschäftigt noch ein weiterer Konflikt und dessen Opfer: der Krieg zwischen Russland und der Ukraine.

Weil Armenien zu beiden Konfliktstaaten gute Beziehungen pflegt, fliehen insbesondere russisch-ukrainische Ehepaare, die in beiden Ländern verfolgt würden, nach Armenien. Viele solche binationale Ehepaare wurden sofort privat und in den Kirchengebäuden aufgenommen. Sie bekamen praktische Hilfe beim Fussfassen im fremden Land. Man hilft ihnen, Arbeitsstellen und Wohnungen zu finden und einen Neuanfang zu wagen. Auch bieten viele armenischen Gemeinden in ihren Gottesdiensten Übersetzung ins Russische und Ukrainische an.

AVC stärkt die armenischen Partnergemeinden darin, diese Hilfeleistungen anzubieten. Ob die Flüchtlinge aus der Ukraine oder aus Russland kommen, ist für sie unerheblich. »Uns betrüben aber die schlechten Nachrichten von ukrainischen Pastoren, die nicht aus den umkämpften Gebieten geflohen sind. Sie entschieden sich, durchzuhalten und verloren dadurch ihre Gemeinden, ihre Familien und teils sogar das Leben«, erzählen uns unsere armenischen Partner. »Ebenso schmerzt uns, dass Pastoren in Russland ins Gefängnis geworfen werden, weil sie für den Frieden beten. Mit ihren Gebeten bekunden sie, dass wirklich Krieg herrscht und sie dagegen sind. Wir wissen, dass der Frieden Gottes Wille ist. Und deshalb versuchen wir, allen Menschen zu helfen, die zu uns kommen.« AVC ging es in den 50 Jahren seines Bestehens nie um Politik oder darum, einzelne Nationen anzuklagen. Umso mehr aber setzten wir uns für die Glaubensfreiheit ein.

Versöhnungsarbeit leisten
Und schliesslich ist in Armenien auch die Aufarbeitung der eigenen schmerzhaften Geschichte ein Dauerbrenner: die Deportation und Vernichtung von 1,5 Millionen Armeniern durch das Osmanische Reich in den Jahren 1915/16 hat tiefe Wunden hinterlassen.

»Ein Türke wird niemals um Vergebung bitten, und ein Armenier wird nie vergeben«, sagt ein Sprichwort. Stimmt das? Viele junge armenische Christen sagen heute: »Egal, was vorgefallen ist, wir sind bereit zu vergeben.« Und sie besinnen sich auf ihre Wurzeln, die oft in Ostarmenien liegen, also in jenen Gebieten, die heute zur Türkei gehören und woraus die Armenier einst vertrieben wurden. Diese jungen Christen lernen Türkisch und begeben sich auf Kurzeinsatz in jene Dörfer und Städte, wo einst ihre Grosseltern lebten. Teilweise finden sie dort sogar Nachfahren von Personen, die ihre Vorfahren gekannt hatten. Sie knüpfen Kontakte und erhalten die Möglichkeit, von ihrem Glauben zu erzählen.

So ist der Nutzen dreifach: Die jungen Leute entdecken ihre Wurzeln, können die Gute Nachricht weitergeben und leisten auf persönlicher Ebene Versöhnungsarbeit zwischen den beiden Ländern. Und auch auf staatlicher Ebene scheint sich etwas zu bewegen. Seit Februar 2022 gibt es wieder Direktflüge zwischen Istanbul und Eriwan. Im Gespräch ist auch die Öffnung der Grenzen, damit man auch auf dem Landweg von einem Staat in den anderen reisen kann.

Schwer zu beissen haben die Armenier auch daran, dass sie den Berg Ararat, »ihren« Berg, ganz nahe über die Grenze in der Türkei sehen, aber nicht erreichen können. Der Berg Ararat, auf dem einst die Arche Noah gestrandet ist, liegt in jenem Gebiet, das ihr Zuhause war. Doch gerade diese schneebedeckten Gipfel sind für sie Symbol der Hoffnung. So ist er auch auf kleinen armenischen Holzkreuzen abgebildet, umgeben von Granatäpfeln, welche für Fruchtbarkeit stehen, und Knospen – letztere als Sinnbild für das neue Leben, dass durch den Glauben an Jesus Christus entsteht.



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