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syrien umkehrerTansania: Schicksal in Afrika

Ich* begegnete dem 4-jährigen Baraka das erste Mal auf der Polizeistation. Doch Baraka war unschuldig.

Junge im Elend 
Dort steht er vor mir: eingeschüchtert, verdreckt, von urinalem Odeur umweht. Obwohl ich eine »Mzungu« (Weisse) bin, sträubt er sich nicht, mit mir zum Kinderheim zu kommen. Nur bis seine Mama gefunden ist.

Die zuständige Sozialarbeiterin hat mich kurz zuvor gebeten, den Knirps mitzunehmen, jedoch spontan ihre Meinung geändert: »Sein Name weist darauf hin, dass er Muslim ist. Also muss er in ein muslimisches Heim!« Ich wische diesen Einwand zur Seite und unser vorzüglicher Ruf beim Sozialamt tut das Übrige.

So bringe ich denn meinen neuen Schützling als Erstes zu einem Gesundheitscheck ins Krankenhaus – vor allem zwecks Abklärung einer möglichen HIV-Infizierung. Nach dessen anfänglichem Aufstand kann die Untersuchung durchgeführt werden. Der Kleine ist gesund.

Vater im Elend
Barakas kurze Vorgeschichte ist dramatisch. Er lebt bei seiner geschiedenen Mutter. Plötzlich taucht sein psychisch labiler Vater auf und entführt den Jungen in die Stadt. Dort legt er ihn auf die Strasse; er sollte von einem Auto überfahren werden. Passanten werden darauf aufmerksam, retten den Jungen und schnappen den Flüchtenden. Der wird in die Psychiatrie ein- und der Kleine bei der Polizei abgeliefert. Diese erweist sich als überfordert, Verwandte des Jungen ausfindig zu machen.

Also kommt er zu uns, besucht unseren Kindergarten und entwickelt sich gut. Monate verstreichen, ohne dass das Sozialamt von sich hören lässt. So entscheide ich mich, den Vater in der Psychiatrie aufzusuchen und finde einen Mann vor, der sich zwar über den Besuch freut, dessen Gehirn jedoch durch den Ausbruch von HIV/Aids geschädigt ist.

Mutter im Elend
Immerhin finde ich heraus, was eigentlich Aufgabe des Sozialamtes gewesen wäre: die Kontaktdaten von Barakas Mutter und dass diese nach ihm sucht. Bereits am folgenden Tag steht sie samt Baraks Zwillingsbruder und der Oma vor unserer Tür. Sie strahlt – obwohl auch sie an HIV/Aids leidet.

Wir bringen die Familie ins Dorf zurück. Ihre erbärmliche Lehmhütte ist durchlöchert, das Dach gewährt freie Ausblicke zum Himmel. In Ihrer Verzweiflung bittet die Mutter, Baraka bei uns zu behalten, damit wenigstens er eine Zukunft hat.

Der Junge wohnt jetzt bei uns, seine Familie unterstützen wir monatlich mit Lebensmitteln. Doch mit der Gesundheit seiner Mutter geht’s bergab. Ich besuche sie im Krankenhaus. Sie übergibt ihr Leben Jesus Christus. Am nächsten Tag ist sie tot.

Ausweg aus dem Elend
Wie soll ich das dem kleinen Jungen bloss beibringen? Wir hatten ihm versprochen, er dürfe bald zu seiner Familie zurückkehren. Und er hat sich darauf gefreut, weil er seine Mutter, Geschwister, Oma und Verwandte vermisst. Und jetzt? Bei der Vorbereitung auf die Beerdigung nehme ich Klein-Baraka schweren Herzens auf die Seite und erkläre ihm, dass seine Mutter jetzt im Himmel ist. Das löst bei uns beiden Tränen aus.

An der Beisetzung im Dorf der Verstorbenen nehmen viele Leute teil. Baraka klebt die meiste Zeit an uns. Die Verwandten sind ihm fremd, weil er schon über ein Jahr bei uns lebt. Ich erkläre Baraka, dass nur die Hülle seiner Mutter unter die Erde kommt und dass sie selbst jetzt glücklich im Himmel ist. Das tröstet ihn! Erleichtert fährt er mit uns zurück nach Hause. Und ich staune, dass er beim Spielen schon bald wieder lachend über den Hof fegt.

Baraka besucht jetzt die 1. Klasse einer Privatschule. Die gestrenge Lehrerin hat ihn anfänglich eingeschüchtert. Doch inzwischen kommt er schon recht gut damit zurecht und entwickelt sich zu einem glücklichen Lausbuben.

Baraka steht für ungezählte Schicksale in Afrika. Ich bin unendlich dankbar, dass wir – unterstützt durch Spender – solchen kleinen Schätzen eine Zukunft schenken dürfen.

* Projektleiterin in Tansania