aktuell news head de

Sudsudan news webseite 2. AugustSüdsudan: Ruta

Sie flieht, ist gezwungen, den Leichnam ihres Mannes auf der Strasse zurückzulassen. Ein Trauma, das sie den Rest des Lebens begleiten dürfte.

Die Menschen im Südsudan leiden dramatisch: unter Plünderungen, Mörderbanden, Trockenheit, drohendem Hungertod.

Die Gründung des Südsudan ist der Schlussstrich unter eine 21 Jahre dauernde Fehde mit dem islamischen Regime des Sudan. Die Leute hier haben für ein besseres Leben in Freiheit und Würde gekämpft. Die junge Generation sollte in einem friedlichen und aufblühenden Land leben können. 2013 sind sie hart auf dem Boden der Desillusionierung aufgeschlagen. Die ehemaligen Kampfgefährten haben begonnen, ihre Waffen gegeneinander zu richten und dieselben Leute umzubringen, für deren Freiheit zu kämpfen sie vorgaben. Es scheint, dass auch die neue Generation genötigt ist, durch dieselben bitteren Erfahrungen des Massenmordens und brutalen Tötens hindurchzugehen, wie die alte Garde.

Erneutes Morden in Serie
Seit sich der Präsident und sein Vize überworfen haben, liefern sich deren Stämme blutige Kämpfe; und der Südsudan taumelt immer tiefer in eine humanitäre Katastrophe. Bewohner verkriechen sich vor den marodierenden Truppen irgendwo im Busch und können deshalb ihre Felder nicht bestellen. Und die anhaltende Trockenheit gibt der kränkelnden Landwirtschaft – und damit unzähligen Menschen und Tieren – den Todesstoß. Die wenigen Grundnahrungsmittel, die noch produziert werden können, werden zu Wucherpreisen gehandelt und mutieren so für die Meisten zu einem unerschwinglichen Luxusgut.

Der Traum von Unabhängigkeit und Wohlstand bricht
vor den Augen der Südsudanesen und der Welt in sich zusammen. Die Chance und die Hoffnung, zu überleben, schwinden unter Kriegsgetöse. Das Licht der Hoffnung wird durch den Rauch verbrannter Dörfer verdunkelt, der Hungertod wirft seine Schatten voraus. Die Kämpfe haben bereits Millionen vertrieben – ohne Nahrung, ohne Sicher- heit. Flüchtlinge berichten, sie würden nur einmal am Tag essen. Wenn überhaupt – manchmal bleiben sie auch drei bis vier Tage ohne Nahrung.

Ein Tropfen auf den heißen Stein
Als AVC/Nehemia richten wir unsere Hilfeleistungen vor allem auf eine Region im Nordwesten des Südsudan aus. Die Stadt Raja liegt im Kampfgebiet und ist von der unsicheren Lage besonders hart betroffen. Vor knapp drei Jahren konnte dort eine Gemeinde gegründet werden. Im letzten AVCreport haben wir von der »heiligen Sturheit« des einheimischen Evangelisten berichtet, der den Anstoß dazu gegeben hat. Hilfsorganisationen gibt’s hier keine, die staatlichen Schulen sind geschlossen, und viele Menschen erliegen dem Hungertod. Unsere Verteilaktion im Frühjahr hat unsere Gemeindemitglieder und Mitbewohner ihrer Stadt vor dem Schlimmsten bewahrt. Doch die verteilte Hirse und die Bohnen sind verzehrt und weitere Hilfslieferungen dringend benötigt. Wir haben vor, wenigstens eintausend Familien mit dem Nötigsten zu versorgen. Außerdem hat AVC/Nehemia fünf Lehrer zwecks Weiterführung des Unterrichts in die Ortschaft geschickt. Die Wertschätzung ist groß, auch die des muslimischen Gouverneurs: »Danke für eure Hilfe, ihr seid die Einzigen, die sich um uns kümmern.«

Morden und Plünderungen ausgesetzt 
Marodierende Soldaten – seit Monaten ohne Sold – bedienen sich kurzerhand selbst, plündern und morden. Wir treffen auf eine Frau auf der Flucht. Ruta, Mutter von sieben Kindern, ist gezwungen gewesen, fluchtartig ihr Dorf zu verlassen. Ihr Mann ist von Rebellen verhaftet worden; sie weiß nicht, ob er noch lebt oder schon ermordet worden ist. Auf der Flucht sind zwei ihrer Kinder auf der Straße an Hunger und Krankheiten gestorben. Die Mutter hat es nicht wagen dürfen, anzuhalten, um sie zu begraben. Die Armee ist ihr auf den Fersen.

Ruta kennt keinen Ort, wo sie hingehen könnte. Ihre Restfamilie überlebt durch den Verzehr von Wurzeln im Wald. Diese müssen vor dem Kochen drei Tage im Wasser eingeweicht werden, damit ihr Giftgehalt reduziert wird. Sie klagt einem AVC/Nehemia-Mitarbeiter, dem sie begegnet, ihr Leid: »Ich habe kaum Hoffnung für uns, zu überleben. Es graut mir, wenn ich daran denke, dass ich meine toten Kinder ohne anständiges Begräbnis zurücklassen musste. Das werde ich für den ganzen Rest meines Lebens nicht vergessen können.« Nach ihren Plänen gefragt, sagt sie: »Ich werde alles daran setzen, dass meine Kinder überleben können. Wenn Gott mir einen Wunsch gewähren würde, ich wünschte mir Frieden und nach Hause zurückkehren zu können. Wenn nicht, werden wir letztlich alle sterben – die Kinder zuerst.« 

Solche Begegnungen erschüttern uns, machen traurig – und wütend, weil uns die Mittel fehlen, Leidtragenden der Katastrophe wie Ruta und ihren Kindern helfen zu können.

Humanitäre Katastrophe verhindern 
Schätzungen gehen davon aus, dass heute mehr als fünf Millionen Südsudanesen im Schatten des bevorstehenden Todes leben. Die Vereinten Nationen, deren Kinderhilfswerk und das Welternährungsprogramm weisen nachdrücklich auf den dringendsten Handlungsbedarf hin, um weitere Menschen vor dem Hungertod zu bewahren.

Unterstützen Sie uns darin. Ihr Beitrag wird benötigt, um Leben von Betroffenen dieser humanitären Katastrophe zu retten und ihnen Hoffnung zu vermitteln.